„Das Schwein, die Kuh und das Huhn müssen immer mehr sein als nur Profitbringer“

Interview mit dem Forum Moderne Landwirtschaft

© Forum Moderne Landwirtschaft 2016
© Forum Moderne Landwirtschaft 2016
Johannes Röring ist Landwirt, Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands (WLV) und CDU-Bundestagsabgeordneter. Vor einigen Wochen ging der WLV mit einem ambitionierten Projekt an die Presse.
Das Ziel der so genannten „Offensive Nachhaltigkeit“: Mehr wechselseitiges Verständnis zwischen den Bauernfamilien und der Bevölkerung und eine breite Akzeptanz für die landwirtschaftliche Praxis. Kern der Initiative sind konkrete Projekte, durch deren Umsetzung das Leben und Wirtschaften auf den Höfen in den kommenden Jahren sozial, wirtschaftlich und ökologisch noch nachhaltiger werden soll. 
 

Das Interview wurde für den aktuellen Themenmonat "Tier" auf www.moderne-landwirtschaft.de geführt. 

Herr Röring, Sie haben einen Bauernhof in Vreden. Was ist der Schwerpunkt des landwirtschaftlichen Betriebs?


Der Schwerpunkt liegt auf der Schweinemast mit Ackerbau. Unser ältester Sohn hat vor rund fünf Jahren den Betrieb übernommen, und auch meine Frau sowie zwei Mitarbeiter arbeiten auf dem Hof mit. Ich selber stehe zumeist nur noch beratend zur Verfügung, denn ich bin durch mein Bundestagsmandat und meine Tätigkeit als WLV-Präsident ausreichend ausgelastet. Unser Betrieb legt großen Wert auf Nachhaltigkeit: Die Gülle der Schweine sowie Zuckerrüben und Mais aus eigenem Anbau fließen in unsere Biogasanlage. Mit dieser produzieren wir selbst Strom und versorgen rund 1.000 Haushalte in der Umgebung.
 
Was verstehen Sie unter moderner Landwirtschaft?

Moderne Landwirtschaft sichert die Ernährung der Weltbevölkerung, indem sie moderne Methoden in Pflanzenzüchtung und Landbewirtschaftung nutzt, um die Erträge zu sichern und zu steigern. Wie viele andere Branchen auch nutzt die moderne Landwirtschaft den technischen Fortschritt, um standardisierte Betriebsabläufe zu verbessern. Das findet auch in unserem Betrieb statt. 
 
Welche Herausforderungen muss ein Landwirt in der heutigen Zeit meistern?

Die Landwirte sind nicht nur einem enormen ökonomischen Druck ausgesetzt, denn sie müssen im internationalen Wettbewerb bestehen können. Ebenso groß ist aber auch der Druck durch die schwindende Akzeptanz in der Gesellschaft, was beispielsweise Tierhaltung angeht. Landwirtschaftliche Betriebe sind nur dann zukunftsfähig, wenn sie die Diskussionen in der Gesellschaft ernst nehmen und bereit sind, in bestimmten Punkten etwas zu verändern. Hier setzt die „Offensive Nachhaltigkeit“ des WLV an. Es geht darum, selbst hinzuschauen, wo wir noch besser werden können. 
 
Welche Rolle spielen ethische Fragestellungen in der modernen Landwirtschaft?

Der ökonomische Druck darf nie dazu führen, dass die Tiere schlecht behandelt werden. Das Schwein, die Kuh, das Huhn muss immer mehr sein als nur ein Profitbringer oder ein Produktionsfaktor, wie es im betriebswirtschaftlichen Fachjargon so schön heißt. Trotzdem darf das Nutztier auch nicht zum Kuscheltier werden.
 
Nach der Ausstrahlung des Magazins „Panorama” in der ARD machte der Hof Röring Negativschlagzeilen. Was war passiert?

So genannte „Tierrechtler“ sind nachts in die Stallungen unseres Hofes eingebrochen und haben einige Schweine gefilmt. Sie wollten Missstände in unserer Tierhaltung aufdecken, die es aber so de facto nicht gab. Das haben wir zusammen mit unserem Tierarzt nachgewiesen und die Ausstrahlung der Bilder gerichtlich verbieten lassen. Dass innerhalb größerer Gruppen von Tieren hin und wieder auch einzelne Tiere erkranken oder versterben, ist leider unvermeidlich – in freier Wildbahn wie auch in der Nutztierhaltung auf landwirtschaftlichen Betrieben. Da ich als Bundestagsabgeordneter und Präsident des WLV eine Person von öffentlichem Interesse bin, musste ich eines Tages mit solch einer Aktion rechnen. Dass allerdings die Presse diese Aufnahmen und die Art und Weise, wie sie entstanden sind, nicht kritisch hinterfragt, hat mich sehr enttäuscht. 
 
Wie sind Sie mit der Kritik umgegangen?

Wir haben die Situation so schnell wie möglich aufgeklärt und auf unserem Hof direkt am Tag nach dem TV-Bericht eine Pressekonferenz gegeben. Vor aller Öffentlichkeit zu Unrecht beschuldigt zu werden, schmerzt natürlich – nicht nur mich, sondern vor allem meine ganze Familie. Eines habe ich durch ganze Aktion aber erkannt: Die Branche der Landwirtschaft muss sich davor hüten, nur „Heile-Welt-Bilder” zu zeigen. Tiere werden nun einmal krank, verletzen sich gegenseitig und sterben. Das ist schlichtweg Realität, die man dem Verbraucher vielleicht besser nicht vorenthalten sollte.
 
Hat die Haltung von Nutztieren in hoher Zahl denn überhaupt noch eine Zukunft?

Ja, das hat sie. Denn ein guter Umgang mit Tieren ist nicht von der Größenordnung abhängig. Im internationalen Vergleich ist die durchschnittliche Größe der deutschen Tierhaltung eher unterdurchschnittlich.
 
Sie haben kürzlich in Ihrer Funktion als Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands (WLV) die „Offensive Nachhaltigkeit” vorgestellt, ist das eine Reaktion auf den “Panorama”-Beitrag?

Nein, ganz und gar nicht. Die „Offensive“ ist die Konkretisierung eines Leitbilds, das wir bereits 2010 entworfen haben. Nach einer Stärken-Schwächen-Analyse haben wir festgestellt, dass sich in der Landwirtschaft etwas verändern muss. Bestimmte Punkte im ökonomischen, ökologischen und sozialen Bereich sind nun einmal verbesserungswürdig. Die Wertvorstellungen der Menschen ändern sich und damit auch ihr Blick auf die Moderne Landwirtschaft. Darauf möchten und müssen wir reagieren und Entgegenkommen zeigen. 
 
Was schlägt die Offensive konkret vor?

Bis 2030 sollen Projekte in der Schweine-, Rinder- und Geflügelhaltung, im Pflanzenbau, im Umweltbereich sowie im Sozialsektor umgesetzt werden. Ich will ein paar konkrete Beispiele nennen: 
 
In der Tierhaltung sollen die betäubungslosen sogenannten nicht-kurativen Eingriffe bei Tieren reduziert werden. Darunter zählen zum Beispiel das Schwänzekupieren, das Schnabelkürzen und das Enthornen von Rindern. Im Ackerbau geht es unter anderem darum, die Bodenfruchtbarkeit durch vielfältigere Fruchtfolgen zu stärken. Im Bereich Umwelt ist die Reduzierung von Düngemittel- und Pflanzenschutzmittelrückständen in unseren Gewässern ein wichtiges Ziel. Und ebenso spielt die Stärkung des Artenschutzes – seien es Vögel, Insekten oder Wildtiere – eine wesentliche Rolle. 
 
Wie waren bislang die Reaktionen auf die Offensive?

Sie hat bundesweite Beachtung gefunden, das ist sehr erfreulich. Insbesondere in den Medien ist sie sehr positiv aufgenommen worden. Schließlich setzt sie innerhalb einer festgefahrenen Gesellschafts-Debatte neue Impulse und führt bestenfalls zu einer konstruktiven und intensiven Debatte. Von einigen Bauern – das will ich nicht verschweigen – ist die Strategie aber auch kritisiert worden. Denn gewisse Schwächen einzugestehen und Bereitschaft für Veränderungen zu signalisieren, ist nicht immer einfach. Und ja, zweifellos ist der Weg für viele Landwirte mit Anstrengung verbunden. Aber auf Dauer bietet die Offensive eine Chance aus der ewigen Kritikspirale hinaus zu gelangen und die Akzeptanz der Gesellschaft wieder zu gewinnen. Es geht darum, Veränderungen selbst in die Hand zu nehmen anstatt sie sich von vermeintlichen Experten diktieren zu lassen.
 
Was würden Sie dem Endverbraucher sagen, der von Filmaufnahmen über Tierhaltung schockiert ist, sein Fleisch aber gern zu Billigpreisen im Discounter kauft? 

Ich möchte jedem raten, das Gespräch mit uns Landwirten zu suchen, sich zu informieren und sich dann eine eigene Meinung zu bilden. Es gibt so viele Landwirte, die gerne über ihre Arbeit sprechen und jederzeit erklären können, wie sie arbeiten. Und wer Nutztierhaltungen in bestimmten Systemen verurteilt, muss einfach auch bereit sein, für sein Fleisch und Geflügel mehr zu bezahlen. Von Studien und Umfragen, die eine höhere Zahlungsbereitschaft beschreiben, können wir nicht leben, sie muss sich an der Ladenkasse zeigen. Hier ist eine gemeinsame Überzeugungsarbeit durch Politik, Medien und Verbraucherverbände erforderlich.

http://www.moderne-landwirtschaft.de/das-schwein-die-kuh-und-das-huhn-muessen-immer-mehr-sein-als-nur-profitbringer

 

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